Great Places to Work Worldwide: Wie ist die Arbeitsplatzkultur in China?

José Carlos Bezanilla
Karsten Schulte-Deußen

José Carlos Bezanilla leitet seit fünf Jahren Great Place to Work® in China. Wir sprechen mit ihm über Arbeitsplatzkultur und die Bedeutung für chinesische Unternehmen, ein Great Place to Work zu werden.

Jose aus China2

Karsten Schulte-Deußen: José, Du kommst ursprünglich aus Mexiko. Was hat Dich motiviert, nach Hongkong zu ziehen und Great Place to Work® China zu eröffnen?

José Carlos Bezanilla: Vielen Dank für Euer Interesse. Ich habe ursprünglich eine vergleichende Studie über Arbeitsbedingungen in Produktionsunternehmen in China und Mexiko durchgeführt. Die Studie basierte auf dem Great Place to Work® Ansatz. Es stellte sich heraus, dass es auch für Great Place to Work® sehr interessant und attraktiv war, diese Arbeit weiterzuführen. Daraus resultierend haben wir beschlossen, Great Place to Work® China zu eröffnen.

Karsten Schulte-Deußen: Great Place to Work® ist ein Ansatz zur Arbeitsplatzkultur aus einer westlichen Gesellschaft. Gibt es kulturelle Konflikte, wenn man mit chinesischen Geschäftsführern über Great Place to Work® spricht?

José Carlos Bezanilla: Ich würde gar nicht sagen, dass Great Place to Work® ein westliches Konzept ist. Hier in China existieren sehr ähnliche Vorstellungen darüber, was eine gute bzw. eine kritische Arbeitsplatzkultur ausmacht.

Karsten Schulte-Deußen: Welche Aspekte unseres Ansatzes sind für chinesische Manager einfach oder intuitiv?

José Carlos Bezanilla: Die häufigsten Aspekte sind die Orientierung am Gemeinwohl, Dinge für alle Mitarbeitenden tun, ein harmonisches Arbeitsumfeld, keine Bevorzugung einzelner, jeder fühlt sich mitverantwortlich und man zieht an einem Strang.

Karsten Schulte-Deußen: Welche Aspekte sind schwieriger in die Praxis umzusetzen?

José Carlos Bezanilla: Anerkennung für alle, transparente Kommunikation, Erfolgsbeteiligung, Sozialleistungen und faire Bezahlung zwischen den Geschlechtern.

Karsten Schulte-Deußen: Wenn wir uns die großartigen Wachstumsraten der chinesischen Wirtschaft und das Tempo ansehen, mit dem chinesische Unternehmen neue Ideen wie KI, Elektromobilität usw. aufnehmen, werden wir neugierig oder vielleicht ängstlich: Was zeichnet die Arbeitsplatzkultur aus, die so viel Agilität und Veränderungsbereitschaft ermöglicht?

José Carlos Bezanilla: Aus meiner Sicht vor allem Stolz und die Bereitschaft zu harter Arbeit, die einfach schon in der hiesigen Kultur fest verankert ist.

Karsten Schulte-Deußen: Life-Balance ist für westliche Unternehmen zu einem immer wichtigeren Aspekt geworden. Wie wird dieses Thema in China behandelt?

José Carlos Bezanilla: Das Thema polarisiert und das ist sehr interessant. Einerseits wird die Idee einer angemessenen Life-Balance verstanden, geschätzt und auch mit Ehrgeiz verfolgt. Andererseits sind aber viele Mitarbeitende sehr stolz auf ihren Arbeitgeber und dadurch immer bereit, ihren Führungskräften zu folgen, um erfolgreich zu sein. Heute ist die von Jack Ma aus Alibaba formulierte Idee 9-9-6 maßgeblich, was bedeutet, dass man von 9 bis 9, 6 Tage die Woche arbeitet.

Karsten Schulte-Deußen: Arbeiten die Leute wirklich so hart?

José Carlos Bezanilla: Einige tun dies, und erzielen damit sehr gute Ergebnisse. Die Sache ist, dass es auf der einen Seite keine Nachhaltigkeit bei diesem Thema gibt. Und die Kosten sind hoch. Viele chinesische Arbeitgeber lernen dies gerade auf die harte Tour. Auf der anderen Seite haben viele Mitarbeitende das Gefühl, dass sie ihre Zeit vergeuden, wodurch sie einige Stunden im Büro alles andere machen als arbeiten.

Karsten Schulte-Deußen: Müssen wir Angst haben, weil chinesische Mitarbeitende einfach viel härter arbeiten als wir und damit am Ende viel erfolgreicher sein werden?

José Carlos Bezanilla: Ich vermute, dass es in manchen Fällen zutreffen könnte. Aber hart zu arbeiten bedeutet nicht, zu wissen, was man tut, wofür und warum. Dies, zusammen mit negativen Auswirkungen der Belastungen durch harte Arbeit und Kreativität als besondere Herausforderung, sind die Aufgaben der Zukunft, die hier angegangen werden müssen. Ich kann Euch allerdings sagen, dass Unternehmen in China daran bereits erfolgreich arbeiten!

Karsten Schulte-Deußen: Einige Unternehmen mit Sitz in Deutschland wie Infineon, Daimler Financial Services oder Phoenix Contact haben die Great Place to Work® Beste-Arbeitgeber-Liste in China erreicht. Wie sind Deine Erfahrungen? Inwieweit passen der Geist der deutschen Ingenieure, die Ambitionen, ein Great Place to Work zu sein, und chinesische Geschäftspraktiken zusammen?

José Carlos Bezanilla: Ich denke, dass das sehr gut zusammenpasst! Es ist eine tolle Kombination. Dennoch sollten die westlichen Länder bereit sein, genauso viel zu lernen, wie sie den Menschen hier beibringen wollen. Auf diese Weise kann eine Win-Win-Situation für die Zukunft beider Gesellschaften entstehen.

Karsten Schulte-Deußen: Ein Blick in die nahe Zukunft: Was sind die wichtigsten Herausforderungen für chinesische Unternehmen bei der Entwicklung der Arbeitsplatzkultur?

José Carlos Bezanilla: Nachhaltig zu sein, mehr Wert auf den Einzelnen und seine Talente zu legen, damit Innovationspotenziale ausgeschöpft werden können. Und die Förderung von Vielfalt und Integration.

Karsten Schulte-Deußen: Welche Rolle werden Great Place to Work® oder – allgemeiner gesagt – Mitarbeiterorientierung und Vertrauen in diesem Kontext spielen?

José Carlos Bezanilla: Eine große Herausforderung und ein Leitmotiv für nachhaltigen Erfolg würde ich sagen.

Karsten Schulte-Deußen: José, vielen Dank für Deine Zeit und Deine interessanten Einblicke in die Arbeitsplatzkultur in China.



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